John Stuart Mill, die Privatsphäre und der digitale Radiergummi

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Privatsphäre ist spätestens seit Zuckerberg, Myspace und Twitter ein Relikt analoger Zeiten. Wir bewegen uns immer öfter und immer selbstverständlicher in virtuellen Netzwerken, hinterlassen dort digitale Spuren und mehr oder weniger privaten Sermon.

Ja, wir wollen das so und ja, wir sind angefixt vom omnipräsenten Gedanken “ich könnte etwas verpassen“. Aber möglicherweise soll nicht alles, was wir im Laufe unseres Lebens im World Wide Web veröffentlichen, dort auch für die Ewigkeit in Einsen und Nullen zementiert sein. Manche Bilder, die wir in Facebook oder anderen sozialen Netzwerken veröffentlichen, erscheinen uns im Nachhinein vielleicht peinlich; mancher Blogpost wurde womöglich aus einer spontanen Laune heraus veröffentlicht.

Pech gehabt, folgt man der Mill’schen Theorie der Eigenverantwortung, denn schließlich ist jeder für sein Handeln selbst verantwortlich. Für alle Hilfsbedürftigen der Solidargemeinschaft hat Vater Staat jetzt ein Projekt der Universität des Saarlandes unterstützt, welches vorerst Bilder, in naher Zukunft auch andere Daten wie Blogs, Webseiten, Videos oder E-Mails mit einem Verfallsdatum versieht. Der digitale Radiergummi namens X-pire verschafft also all denjenigen ein ruhiges Gewissen, die ihrem eigenen Verantwortungs­bewusstsein nicht so recht trauen. Von den technischen Unzulänglichkeiten dieses Programms einmal abgesehen, stellt sich die Frage, ob es nicht den Gedanken des Web  konterkariert?

Hat ein Blogeintrag, der nach vier Wochen nicht mehr abrufbar ist, überhaupt eine Daseinsberechtigung? Eindeutig nein. Mag das Internet die Informationsflut und den Gedankenaustausch noch so sehr beschleunigt haben, ein Beitrag auf Zeit entspricht der Philosophie ebenso wenig wie Zensur.

Der digitale Radiergummi kann jugendlichen Leichtsinn rückgängig machen, doch verantwortungs­bewussten Umgang mit Social Media kann er uns nicht lehren – hier ist die gesamte Internet­gemeinschaft gefragt.

Dass potentielle Arbeitgeber ihre Bewerber auf digitale Hinterlassenschaften abklopfen, kann laut einer Studie der Universität Erfurt in Zusammenarbeit mit dem Stellenmarkt Monster ebenfalls nicht mehr als Argument für ein Verfallsdatum angeführt werden. Denn laut dieser Untersuchung interessiert sich die große Mehrheit der Personalverantwortlichen nicht für die Party-Vergangenheit ihrer Bewerber.

Eine zeitliche Begrenzung für Daten des Internets scheint also nicht notwendig, ein sensibler Umgang eines jeden Nutzers mit selbigen indes sehr wohl. Sie können versichert sein, dass wir von EBERTLANG uns dieser Verantwortung bewusst sind. Daher werden wir auch in Zukunft unsere Daten für die Ewigkeit bereitstellen und sie daran teilhaben lassen.

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